7. Oktober 2022
Kultur

Beierstedt wird zum heißen Kulturtipp

Das Heesebergstudio nimmt mit einer Ausstellung des Fotografen Andreas Jorns seinen Betrieb auf

Protagonistin und Modell Anna Röttger mit Fotograf Andreas Jorns. Foto: Michael Uhmeyer

Beierstedt. Das kleine Dorf Beierstedt im Süden des Landkreises Helmstedt hat, Hand auf’s Herz, längst nicht jeder auf dem Zettel. Doch das dürfte sich nun wohl ändern. Denn der Ort am Fuße des Heesebergs schickt sich an, zum Tipp für Freunde der Kultur vielfältiger Art zu werden.

So jedenfalls hofft das Michael Günter. Seit einer Woche ist sein Heesebergstudio an der Schöninger Straße 2 mitten im Dorf der Öffentlichkeit zugänglich. Es ist ein Ort mit vielen Gesichtern: Fotostudio, Musikstudio, Konzertsaal, Kleinkunstbühne und Ausstellungsraum. Bis zum 22. Oktober ist es letzteres. Der Fotograf Andreas Jorns gastiert mit „Lucid Dreams“, Klarträume, in den Hallen, die einst der Veranstaltungssaal in Beierstedt waren. Dieser Tage führten Jorns und sein Hauptmodell Anna Röttgers durch die Schau.

Anna Röttger durchlebt Klarträume und führt ein Traumtagebuch. Das war das Storyboard für die Fotoshootings, die zunächst in einen Bildband münden sollten. Somit ist die Ausstellung sozusagen Begleitwerk für das 288 Seiten starke Buch gespickt mit kunstvollen und beeindruckenden wie fesselnden bis abstoßenden Bildern zwischen Traum und Realität. Ein starker Start für das Heesebergstudio. Michael Günter ist selber Fotograf. Man kennt sich, und so war die Vernissage samt Führung am darauffolgenden Tag ein Treffen unter Kollegen aus ganz Deutschland. Eine erfolgreiche Vernissage sei das gewesen. Über 80 Gäste habe er gezählt und begrüßt, erzählt Günter. Er sprudelt vor Ideen, denn sein Studio soll zwar für seine Fotoarbeiten herhalten, aber eben auch ein vielseitiger Ort werden. Aktuell sei man mit der Kirchengemeinde im Gespräch, um eventuell auch im Beierstedter Gotteshaus etwa Konzerte anbieten zu können. Vor dem Hintergrund der Nähe zum Heeseberg lassen sich schon jetzt wunderbare Synergien erdenken.

Aber zurück zu den Bild gewordenen Klarträumen. Es sind Dokumentationen jener Reisen, die jene, die sie unternehmen, um den Schlaf bringen. Jede Zelle des Körpers hält diese Träume nämlich für real. Der oder die Träumer(in) kann eingreifen, sie steuern und sogar ihr Ende bestimmen. So erlebt es Anna Röttgers nach eigenen Worten immer wieder. Dieses Wissen hilft bei dem Versuch, den Tiefgang all der Fotos verstehen zu wollen. Sie sind, wenn man so will, tiefe Einblicke in die Seele eines getrieben wirkenden Menschen, dessen Wahrnehmung irgendwo zwischen Traum und Realität verschwimmt. So erzählte Rötters von vermeintlichen Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Wahr oder Traum: „Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“

Die 28-Jährige hat sich vor sich selber und Jorns geöffnet, und der hat es inszeniert. Schonungslos. Komfortzonen gibt es bei diesem Projekt nicht, und Eitelkeiten haben bei den offenbarten Klarträumen keinen Platz. Schonungslos meint exakt das, denn die Fotos zeigen eine Bandbreite des menschlichen Klartraumdaseins oder auch des realen Seins, die keine Grenzen zwischen Schönheit oder Hässlichkeit, zwischen abstoßend oder anmutend zieht. Das Ergebnis sind real aber auch surreal wirkende Fotos in Graustufen, eine Sensenfrau, eine Wasserleiche, der Fährmann mit Anna als Leiche im Boot, eine durch eine Manege tanzende Anna. Hier und da waren die Träume Inspiration für Weiterentwicklung, etwa ein Hochzeitsbild oder eine „Fressorgie“, hässliche und düstere aber auch von Schönheit anmutende Ansichten – immer mit Anna im weißen Kleid.

In anderthalb Jahren sind 18 000 Fotos entstanden, an verschiedenen Orten, mit vielen Requisiten und der einen oder anderen Abrechnung mit Annas Vergangenheit. Sie, die vom Lande kommt, gezwungenermaßen eine katholische Schule besuchte, weil der Bus nun mal nur dorthin fuhr. Geschlechtertrennung, Gottesdienste und Agnus Dei „Lamm Gottes“. Eine Herde Schafe und die Sensenfrau mit aufgespießtem Schafskopf ist ihre Rache. Ängste und Sehnsüchte, real und doch surreal, alles nur Träume? Wer kann das schon sagen, wenn das nicht einmal der Protagonistin gelingt.
„Lucid Dreams“ ist eine sehenswerte Ausstellung, der Fotoband beinahe Pflicht für Menschen mit einem Gespür für die besondere Ästhetik. Das 288 Seiten starke Buch ist im Triton-Druckverfahren mit partieller Lackierung entstanden. Die Ausstellung ist werktags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr unter www.heesebergstudio.com.

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