22. Juni 2022
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Schicksale einer Zwangsumsiedlung

Zonengrenzmuseum Helmstedt zeigt bis zum 7. August Fotos und Texte von Janet Hesse

Marita Sterly vom Zonengrenzmuseum mit der Autorin und Fotografin Janet Hesse und dem Musiker Dirk Bunte (v.l.) bei den letzten Vorbereitungen zur Ausstellung „Befriedet". Foto: Erik Beyen

Von Erik Beyen

Helmstedt. Es sind bizarre Bilder, zuweilen beklemmend, und diese Beklemmung nimmt zu, wenn die Geschichte hinter den Bildern deutlich wird: eine Treppe ins Nichts, eine Brücke ohne Anschluss, Bahngleise, die scheinbar durch Bäume führen, ein paar Quadratmeter Fliesenboden, Fundamente alter Gehöfte, Menschen, die verloren irgendwo im Niemandsland stehen – diese und viele weitere Bilder hat Janet Hesse auf einer Zeitreise in eines von vielen dunklen Kapiteln der DDR-Vergangenheit gemacht und ein Buch dazu geschrieben: „Befriedet – Vergessene Orte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze“. Es sind jene Orte, aus denen die Menschen einst vom DDR-Regime zwangsumgesiedelt wurden, um sie anschließend dem Erdboden gleich zu machen. Noch bis zum 7. August sind die Bilder aus dem Buch mit erklärenden Texttafeln in einer Sonderausstellung des Zonengrenzmuseums zu sehen: „Befriedet“ lautet der Titel. Er setzt einen Kontrast zu dem, was die Bilder und Texte dokumentieren.

Schon die Namen der Aktionen zeigen, mit welcher Verachtung damals vorgegangen ist: „Ungeziefer“, „Festigung“ oder „Kornblume“. Ab 1952 bis in die 80er-Jahre hinein wurden Menschen, die den DDR-Oberen meist willkürlich als politisch unzuverlässig galten, aus dem Sperrgebiet entlang der Grenze entfernt. Das bedeutete Zwangsumsiedlung, ohne Ankündigung, ohne Zeit, sich zu verabschieden, nur mit Koffer und dem Nötigsten bei sich in Güterwaggons verfrachtet irgendwohin. Allein diese Beschreibung wirft Parallelen auf, und die seien auch ganz bewusst gewollt, wie die Autorin und Fotografin bei einem Pressetermin erklärt. Für ihre Recherchen war Janine Hesse über Monate auf der Suche nach jenen vergessenen Orten. Sie fand sie und Menschen, die froh waren, reden zu dürfen, denn zu DDR-Zeiten wären sie dafür ins Gefängnis gegangen.

Die Ausstellung erzählt ihre Geschichten, beklemmende Geschichten. Sie handeln nicht nur von Zwangsumsiedlung, nein, auch von Flucht und Tod, denn nicht jeder habe das verkraftet. Angeblich sei damals alles zur Sicherheit der „Verschleppten“ passiert. Der wahre Grund ist wohl ebenso perfide, wie die Begründung und das Vorgehen des Staates selber: freie Sicht und ein freies Schussfeld auf einem 500 Meter breiten Streifen entlang der Grenze.
Am 7. August findet um 17 Uhr die Finissage statt. Dafür kommt Janet Hesse nach Helmstedt und liest aus ihrem Buch. Sie wird von Dirk Bunte musikalisch begleitet. Es werden Klänge sein, die die Beklemmung hörbar und fühlbar machen. Das Buch „Befriedet – Vergessene Orte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze“ ist bereits 2009 erschienen. Einen Vorgeschmack darauf gibt es auf der Internetseite der Autorin: www.janethesse.de/befriedet/

Ob die Menschen jemals ihren Frieden gemacht haben? Janet Hesse und Dirk Bunte hoffen, dass zur Finissage der eine oder andere Zeitzeuge anwesend ist, auch indirekte Zeitzeugen seien willkommen, denn das Kapitel der Zwangsumsiedlung ist noch lange nicht erschöpfend beleuchtet.

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