21. Mai 2022
Arbeit

Die Tafel versorgt wieder Bedürftige

Nach einer „Zwangspause“ gibt es nun wieder Lebensmittel in Helmstedt

Bettina Sulies und Susanne Bode sortieren die Lebensmittel vor. Die Hälfte sei nicht mehr verwendbar. Foto: Erik Beyen

Helmstedt. Die Zwangspause bei der Tafel in Helmstedt ist beendet. Die Probleme aber bleiben wohl. Nun hat sich Landrat Gerhard Radeck eingeschaltet und Hilfe zugesagt. In erster Linie geht es wohl um Verständnisprobleme insbesondere unter den Menschen aus der Ukraine. Aber auch in Sachen Versorgung macht sich der erste Mann im Landkreis Gedanken.

Das ehrenamtliche Team der Tafel hatte für einige Tage die Arbeit niedergelegt und die Versorgung bedürftiger Menschen mit Lebensmitteln eingestellt. Zuvor hatte sich die Situation vor Ort zugespitzt: Zu wenig Lebensmittel hatten für Spannungen unter den Kunden der Tafel und zu verbalen Entgleisungen gegen die Ehrenamtlichen geführt. Mehr noch: Das Team habe als Streitschlichter agieren müssen. „Die Leute haben sich gegenseitig die Taschen weggenommen“, erzählte Nadine Kummert bei einem Lokaltermin. Der Verein Helmstedter Tafel e.V. versorgt über 1000 bedürftige Menschen. Zuletzt waren Hunderte Ukrainer hinzugekommen. Letzteres hat die Möglichkeiten der gemeinnützigen Einrichtung schließlich gesprengt.

Es ist fast schon ein sommerlicher Mittwoch, jener Tag, an dem das Team des Vereins Helmstedter Tafel e.V. seinen ehrenamtlichen Dienst am Menschen wieder aufnimmt. Seit dem frühen Morgen sind Nina Sievers und Hans-Herbert Busch mit dem Tafel-Auto unterwegs. Sie fahren die Supermärkte in Helmstedt ab. Eben kommen sie von einer Tour zurück. Sievers ist ernüchtert: „Es ist noch weniger, als sonst“, sagt sie. Und das ziehe sich an diesem Tag durch alle Touren. Dabei hatten sie nach einem medialen Aufschrei gehofft, es ändere sich was.

Das Problem ist nicht neu: Die Zahl der bedürftigen Menschen wächst. Doch das Lebensmittelangebot nicht, im Gegenteil, es geht zurück. Die Vereinsvorsitzende Nadine Kummert kennt einen Grund dafür: „Die Geschäfte schreiben nicht mehr so viel ab“, erklärt sie. Bevor das passiere, gehe die Ware als besonderes Angebot raus. Hinzu kommt, dass es selbst aus dem Zentrallager der Tafeln in Bremen keine Ware mehr gebe. Von dort bezog die Helmstedter Tafel gern Kühlware. Das Angebot geht schon seit einiger Zeit zurück, doch der Krieg in der Ukraine hat diesen Trend offenbar noch verschärft. Selbst im Zentrallager kommt wohl kaum mehr etwas an, weil Handelsketten Lebensmittel direkt für die Ukraine spenden. „Das sind dann natürlich die Produkte, die sonst bei uns landen würden“, zieht Kummert ein nüchternes Fazit.

Um 11 Uhr beginnt die Ausgabe. Doch schon Stunden vorher stehen Menschen an. An diesem Tag ist die Schlange eher überschaubar. Die Nachricht von der „Wiedereröffnung“ der Tafel hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen. So wirkt das Warenangebot recht üppig: Äpfel, Rhabarber, Erdbeeren, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Kohl und so weiter findet sich in den Kisten. Tatsächlich sind darunter auch Waren, die die Schließzeit der Tafel überdauert haben, Haltbares, wie Kartoffeln oder Zwiebeln. Ansonsten sieht es im Sortierraum der Tafel eher mau aus. Dort tun an diesem Tag Bettina Sulies und Susanne Bode Dienst. 50 Prozent der Ware, die man bekomme, werde aussortiert, weil man sie nicht mehr an Menschen ausgeben könne. Davon profitierten die Schweine eines Landwirts und die Tiere eines Zirkus’.

Der Großteil der Tafel-Kunden hat einen Migrationshintergrund. Anja Sievers, die zweite Vorsitzende des Vereins, spricht von 85 Prozent. Das erklärt Sprachbarrieren, aber auch andere Kulturen und damit einen anderen Umgang mit verschiedenen Situationen. Das aber löst man bei der Tafel schon seit langer Zeit mit viel Geduld. Nun aber seien etwa 700 Menschen aus der Ukraine hinzugekommen. Allein für sie wünschte sich die Tafel dringend einen Übersetzer oder eine Übersetzerin. Genau dafür hat Landrat Gerhard Radeck nun gesorgt, wie er in einem Telefonat erklärte. Er sieht sowohl ein sprachliches als auch ein Verständnisproblem, nämlich das fehlende Hintergrundwissen zum eigentlichen Zweck der Tafel. Unter den Ukrainern habe sich die Einrichtung als eine Art Supermarkt verankert. Das lasse sich mit Hilfe von Dolmetschern aufklären. Sollten dafür Kosten entstehen, würde die der Landkreis auch übernehmen.

An diesem Tag reicht das Warenangebot sowohl für die Ausgabe am Tor der Tafel als auch für den Kisten-Lieferdienst. Doch wie lange der Verein seinen Dienst aufrecht halten kann, steht wohl in den Sternen. „Wenn das so weitergeht, sind wir aufgeschmissen“, kommentiert Nina Sievers. Für die bedürftigen Menschen wäre das eine Katastrophe. „Wenn es die Tafel nicht mehr gibt, kann ich mir Gemüse nicht mehr leisten“, sagt etwa Claudia. Ihren vollständigen Namen nennen wir zum Schutz ihrer Persönlichkeit nicht. Sie ist seit einiger Zeit auf den sozialen Dienst angewiesen. Die Unzufriedenheit oder die Aggressionen mancher kann sie nicht nachvollziehen: „Man muss doch froh sein, dass es so ein Angebot gibt. Wer zur Tafel geht, muss wissen, dass es dort eben nur das gibt, was die Tafel auch bekommt“, erklärt sie. Damit die Situation nicht eskaliert, hat sich Landrat Radeck nach eigenem Bekunden mit der Polizei in Helmstedt in Verbindung gesetzt. Er habe Präsenz und den einen oder anderen persönlichen Kontakt von Beamten angeregt.

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