20. November 2021
Umwelt

Expertenrat von hier im Ahrtal gefragt

Wolfgang Büchs kennt die Gegend ganz genau – Anfang Dezember ist er wieder im Süden

Die Fluten haben die Eisenbahnbrücke weggerissen. Links vorn ist der Asphalt eines Parkplatzes zu sehen, der sich früher bis zur Brückenmitte erstreckte. Foto: Wolfgang Büchs

Region/Ahrtal. Zerstörte Häuser, Bahnschienen, die im Nirgendwo enden, Schlamm, Schutt und Verzweiflung: Die Bilder der Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Fast 140 Tote und Milliardenschäden, das macht noch immer fassungslos. Harz und Oker sind kein Vergleich mit Ahrtal und Ahr und doch wohnt in Braunschweig ein Experte, dessen Rat dort gefragt ist.

Erst waren es die großen Zeitungen und auch das Fernsehen, die Dr. Dr. Wolfgang Büchs um eine Einschätzung baten. Direkt vor Ort hat er sich die Zerstörungen angesehen, sich eine Meinung zu Neuaufbau und Schutzmaßnahmen für die Zukunft gebildet und darüber gesprochen. Anfang Dezember fährt er wieder ins Ahrtal. „Auf Einladung der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord“, erzählt der Naturwissenschaftler im Gespräch mit der NH. Das ist die Landesbehörde in Rheinland-Pfalz, die den Wiederaufbau im Ahrtal leitet.

Im Dezember wird Wolfgang Büchs auf offizielle Einladung hin wieder ins Ahrtal fahren. Foto: Privat

Die Katastrophe hätte Wolfgang Büchs selbst treffen können. „Ich hatte vor, nach der Pensionierung dorthin zu ziehen.“ Oder an die Mosel, woher seine Frau stammt. Büchs aber bleibt mit der Familie in Braunschweig Der Protest gegen die Erweiterung des Flughafens Braunschweig-Wolfsburg hat ihn in die Politik gebracht. Büchs ist mit Braunschweig verwurzelt, mit jedem gefällten Baum und jedem Demonstrationsmarsch gegen die Verlängerung der Landebahn ein bisschen tiefer.

Deshalb ist Wolfgang Büchs in Braunschweig als engagierter Lokalpolitiker bekannt, war erst für die BiBS und nun für die Grünen im Rat. Eigentlich aber kommt Büchs aus Bonn, dort ist er aufgewachsen, hat studiert und gearbeitet. Seit er 27 Jahre alt ist, hat er sich mit dem Ahrtal beschäftigt, heute ist er 67. 40 Jahre, die jetzt das Fundament seiner „Rundum-Sicht“ ausmachen. „Ich kenne das Ahrtal sehr gut“, sagt Büchs.
Dort kann der Zoologe gewissermaßen jeden Schmetterling und jedes Grasbüschel beim Vornamen nennen, hat dort im Auftrag des Landes ab 1980 gemeinsam mit einem Botaniker eine Biotopkartierung vorgenommen. Er ist Initiator und Herausgeber einer großen Monographie mit circa 1450 Seiten über das Ahrtal. Etwa 70 Zoologen, Botaniker, Geologen, Hydrologen – sie alle haben mitgewirkt an der umfassenden Beschreibung, warum die Landschaft dort so ist wie sie ist.

Mehr Raum für den Fluss

Die Menschen, die jetzt schnell wieder in ihre Häuser möchten, kann er nur zu gut verstehen. Ebenso Politik und Behörden, die das ermöglichen wollen. Manche müssen sogar zurück, weil das Geld aus der Elementarschadenversicherung nur fließt, wenn an gleicher Stelle aufgebaut wird. Aber Büchs warnt davor, 1:1 zu den alten Zuständen zurückzukommen: „Die Aue ist so zugebaut, dass der Fluss keine Ausbreitungsmöglichkeit hat.“ Wo sich früher Sümpfe dehnten („Das war sogar Malariagebiet“), stehen heute Häuser. Ein Blick in die Siedlungsgeschichte des Unteren Ahrtals zeige, dass die Ursprungsorte früher teilweise mehrere hundert Meter vom Fluss entfernt lagen. Das hatte schon damals Gründe.

Der Druck, alles schnell wieder herzustellen und aufzuräumen. ist groß. „Überall an der Ahr wird gebaggert“, sagt Büchs. Wälle werden aufgeschoben, Schlammmassen auf angrenzende Feuchtwiesen verteilt – eine Katastrophe. Über Jahrhunderte hatten die Menschen an der Ahr aus der Not heraus jeden Quadratmeter für Acker und Vieh genutzt. Bis zur Erfindung des Kunstdüngers. Seither sind nicht nur Siedlungen gewachsen (seit den 1960er Jahren), sondern haben sich auch wertvolle und in Europa herausragende Naturräume gebildet. Die werden jetzt zerstört.

Zusätzliche Staubecken

Verheerende Hochwasser gab es in der Geschichte häufiger. Büchs nennt die Jahreszahlen 1804 und 1910. Der Klimawandel werde dafür sorgen, dass sich solche „Jahrhundertereignisse“ häufen werden. Aus Büchs’ Sicht spricht grundsätzlich viel dafür, die 100 Jahre alten Pläne für Hochwasserrückhaltebecken in den oberen Bereichen wieder hervorzuholen. Baulich nach neuen Erkenntnissen umgesetzt und durchlässig für wandernde Tierarten. An anderen Stellen ließen sich mit geringem Aufwand Flutmulden schaffen. Obendrein könnten Entsiegelungsprämien dafür sorgen, dass anders gebaut und nicht „alles zugepflastert“ werde.
Büchs hat auch die Hochlagen im Blick. Den Maisanbau dort sieht er kritisch. Ackerkulturen, die den Boden nicht komplett bedecken, sind erosionsanfällig. Ebenso flurbereinigte Weinberge, deren Rebzeilen und Entwässerung in steiler Falllinie dem Fluss zugeneigt sind. Über die gelangen große Wassermassen in schneller Zeit in den Fluss – bei Starkregen eine gefährliche Kombination.

Und dann ist da noch die Forstwirtschaft. „Die Fichtenwälder im Ahrtal sehen noch besser aus als die im Harz“, sagt Büchs. Aber auch im Süden hat das große Sterben begonnen. „Ich hoffe, dass man es im Ahrtal anders macht und nicht solche Kahlschläge wie im Harz vornimmt.“ Abgeräumte Hänge können keinen Starkregen zurückhalten.

Dramatische Rettung

Bei seinem ersten Besuch im Ahrtal nach der Überschwemmung fühlte sich Büchs an die Kriegszerstörungen im früheren Jugoslawien erinnert. Die Häuser kaputt und verlassen – eine gespenstische Kulisse. Die Wassermassen der Ahr haben die Apotheke, in der seine Schwester arbeitete, ausgeräumt, ihren Arbeitsplatz weggeschwemmt. Ein Kollege aus Studientagen, seit einem Schlaganfall im Rollstuhl, hat nur überlebt, weil dessen Schwiegersohn ein Rettungsschwimmer ist. Dieser schleppte ihn auf dem Rücken durch die Fluten, legte ihn in einem Weinberg ab. Nach 16 Stunden in Regen und Kälte kam ein Hubschrauber. „Dieser Freund wird jetzt nach Bonn ziehen“, sagt Büchs. Er versteht nicht, warum die Menschen nicht viel früher gewarnt worden sind. Als um 17.40 Uhr die Meldung kam, dass der Trierbach schon auf Höhe der Straßenbrücke stand, wären noch Stunden Zeit gewesen, sich weiter unten im Tal ins Sicherheit zu bringen …

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