17. Juni 2021
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Klassenfahrten in das geteilte Deutschland

Ein Verein will Schulklassen aus dem ganzen Land für eine Fahrt in die Geschichte begeistern

Haben die deutsch-deutsche Geschichte hautnah erlebbar gemacht (v.l.n.r.): Anja Nitschke, Henning Konrad Otto, Beate Ziehres und Anja Kremling-Schulz. Das Konzept heißt: Klassenfahrt 2.0 - Krasse Geschichte erleben. Foto: Archiv / BZV

Helmstedt. Geschichte anfassen können, an authentischen Orten erleben und erfahren – eigentlich macht der Verein Grenzenlos – Wege zum Nachbarn e.V. seit seiner Gründung nicht weniger als genau das auf verschiedenen Ebenen möglich. Jetzt aber schlagen die Verantwortlichen den großen Bogen: Sie wollen Schulklassen aus ganz Deutschland, später sogar aus dem Ausland, nach Helmstedt holen.

Eine einwöchige Klassenfahrt, deren Kernmodul die Rundfahrt Grenzenlos ist, schwebt ihnen vor. Um diese Tour haben sie ein Programmangebot aus verschiedenen multimedialen Modulen zusammengestellt, das die jeweiligen Lehrkräfte, um es mit den Worten des „Paten“ zu sagen, nicht ablehnen können.
Bei einem Lokaltermin im Passhof der St. Ludgeri Kirche erklärten der Vorsitzende des Vereins, Helmstedts Erster Stadtrat Henning Konrad Otto, die für Kultur und Tourismus in Helmstedt verantwortliche Anja Kremling-Schulz sowie Beate Ziehres und Anja Nitschke vom Verein Einzelheiten zum neuen Klassenfahrtenkonzept. „Rundfahrt 2.0 – Krasse Geschichte erleben. Klassenfahrt nach Helmstedt“ – So wirbt der Verein für sein neues Angebot.

Ein Flyer, den man auf der Internetseite des Vereins downloaden, also herunterladen, kann, macht Lust. Mit von der Partie waren und sind junge Wissenschaftler der TU Braunschweig, Fachrichtung Geschichte. Sie haben den didaktischen Teil des Angebots übernommen, nämlich die Geschichte für die jeweilige Altersgruppen aufbereitet, das sind die Jahrgänge 5 bis 7 sowie 8 bis 13. Für die größeren hat der Verlag Einert & Krink eine App entwickelt. Sie nennt sich „Zeitläufe“ und macht die innerdeutsche Geschichte so spannend, als fände sie gerade eben statt. So ähnlich versprechen das die Initiatoren.
Hinter der App verstecken sich Audiobeiträge, erzählte Geschichte, zum Beispiel von jungen Menschen der damaligen Zeit, ein Flashback für jene, die diese Zeit kennen, für andere eine Zeitreise.

Das alles wird mit den realen Orten verbunden, per Smartphone etwa werden die Mädchen und Jungen durch die Gedenkstätte Deutsche Teilung geführt und sind plötzlich mitten drin, denn auf die Ohren bekommen sie dort etwa per Hörspiel eine Szene der Passkontrolle.
Und so passiert das an allen Zeitorten, die von der deutschen Teilung erzählen.

Henning Konrad Otto ist zum Lokaltermin vor Freude kaum zu stoppen. Er hat allen Grund, denn die Realisierung des Projekts hat immerhin ein paar Jahre gedauert. Dabei ist Helmstedt und Umgebung in Sachen deutscher Teilung wohl ein einzigartiger Ort, denn mitten im kalten Krieg fand sozusagen „Entspannung“ statt: Braunkohleabbau direkt unter dem Grenzzaun, dort, wo heute der Pegel des Lappwaldsees steigt und steigt, entschied man sich einst für Pragmatismus, die deutschen Staaten bauen gemeinsam ab.

Es sind diese spannenden Geschichten, die vom „ganz normalen Alltag“ erzählen, der heute eher surreal wirkt, gepaart mit weiteren Vertiefungsangeboten, wie einem Besuch im Zonengrenz-Museum Helmstedt sowie Vorschläge für die Freizeitgestaltung samt Übernachtungsofferten, die Erfolg versprechen. So lebendig war die Vergangenheit wohl noch nie.

App, Flyer und weitere Infos gibt es hier: www.grenzdenkmaeler.de.
Die App wird es auch in den üblichen App-Stors zum Download geben. Und so ganz nebenbei versteckt sich hinter diesem Angebot eine kleine Geschichte voll Zuversicht: Für die Begegnungsstätte im Kloster St. Ludgerus gibt es eine Zukunft. Sie ist Teil des Konzepts Klassenfahrt 2.0. Buchen müssen die jeweiligen Lehrkräfte ihre Fahrten und Unterkünfte übrigens selber. Der Verein Grenzenlos schlägt vor und kümmert sich um die Gästeführer(innen).

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