19. Dezember 2020
Menschen

Weihnachtsbotschaft lässt sich von Corona nicht aufhalten

Kirchen stehen am Heiligabend vor großer Herausforderung – Pröpstin Martina Helmer-Pham Xuan und Pfarrer Tobias Crins im Interview

Weihnachten steht vor der Tür, doch es wird anders werden als gewohnt. Das stellt auch die Kirchen vor eine große Herausforderung. Foto: pixabay/oh

Königslutter/Lelm. Kein großes Fest, keine Christmärkte, keine Feiern: In diesem Jahr ist Weihnachten anders als sonst. Das stellt auch die Kirchen vor eine große Herausforderung. Dennoch ist einiges möglich. Wir sprachen mit Königslutters Pröpstin Martina Helmer-Pham Xuan und Pfarrer Tobias Crins, der im Verband Lelm-Räbke-Warberg tätig ist.

Weihnachten steht vor der Tür, doch es wird anders werden als gewohnt. Was ist in der Kirchengemeinde angesichts des zweiten harten Lockdowns überhaupt noch möglich?

Tobias Crins: Wir haben rückblickend in der Adventszeit besinnliche Gottesdienste in einem überschaubaren Rahmen gefeiert. Die Kinder haben Basteltüten bekommen, es wurden Adventsgrüße in den Gemeinden verteilt und wir haben einen Online-Adventskalender ins Leben gerufen, bei dem sich viele Leute beteiligt haben, indem sie uns Lieder eingespielt, Gedichte oder Geschichten vorgelesen oder auch Koch- und Backrezepte aufgenommen haben. Diesen Weg Richtung Weihnachten sind viele Menschen mitgegangen. Aber auch die Seelsorge nimmt zur Zeit viel Raum ein. Vielen Menschen schlägt der erneute Lockdown verständlicherweise sehr aufs Gemüt. Und gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit kommt da viel Sorge zum Vorschein. Deshalb habe ich extra Telefonsprechstunden eingerichtet, in denen ich direkt verlässlich zu erreichen bin. Einzelgespräche im Pfarramt habe ich in den letzten Tagen auch vermehrt geführt. Es wird ein anderes Erleben an Weihnachten werden, mit reduzierten Kontakten und viel Vorsicht. Wir sind als Kirchengemeinden in der privilegierten Position, dass bei uns noch einiges möglich ist. Dessen sind wir uns bewusst und auch der Verantwortung, die damit einhergeht.

Martina Helmer-Pham Xuan: In der Tat, vieles ist anders – aber es ist immer noch einiges möglich: Wir haben, wie auch im ersten Lockdown, leider alle Gemeindeveranstaltungen ausfallen lassen müssen, die besinnlichen Weihnachtskonzerte und Adventssingen in der Kirche fanden nicht mehr statt, selbst die wunderschöne traditionelle Krippenausstellung in der Stadtkirche war in diesem Jahr nicht mehr möglich. Was geblieben ist, sind unsere Gottesdienste in der Adventszeit, wenn auch mit reduzierter Besucherzahl, mit Anmeldungen und Teilnehmerlisten, in gekürzten Formaten, mit gemeinsamen Singen mit Mund- Nasenschutz draußen vor der Kirche und manchen Freiluftgottesdiensten. Neu entstanden sind „Ermutigungsworte“ , die in unserer Propstei von allen Pfarrern und Pfarrerin verfasst an die Haushalte, Kirchen und Seniorenheime verteilt werden.

Wenn denn Gottesdienste an Weihnachten stattfinden, denken Sie, dass die Gläubigen davon Gebrauch machen werden?

Tobias Crins: Ich erfahre zur Zeit zum einen ein großes Bedürfnis danach, die Hoffnung und Gemeinschaft im Gottesdienst zu erleben. Aber es wird auch viele Menschen geben, die in diesem Jahr bewusst auf einen Weihnachtsgottesdienstverzichten werden. Die Infektionszahlen sind besorgniserregend hoch, da muss jede und jeder für sich prüfen, was an Kontakten nötig ist. Wir sind in der Propstei und den Kirchengemeinden schon seit Sommer mit den Planungen und Hygienekonzepten für Heiligabend beschäftigt und haben diese natürlich ständig den Umständen angepasst. Die Anmeldungen zu den Gottesdiensten und zum Teil auch persönliche Rückmeldungen zeigen mir, dass einige Menschen zur Zeit bewusst zu Hause bleiben.

Martina Helmer-Pham Xuan: Es wird Menschen geben, die in diesem Jahr bewusst auf einen Weihnachtsgottesdienst verzichten werden. Alle unsere Gemeinden in der Propstei haben sich vorab schon seit vielen Wochen darüber Gedanken gemacht, wie ein verantwortungsvolles Hygienekonzept für einen Gottesdienstbesuch zu Weihnachten aussehen muss und dieses dann dem Landkreis zur Kenntnis gegeben. Es gibt viele Gemeindemitglieder, die sich sehr bewusst für den Besuch eines Weihnachtsgottesdienst entscheiden, weil für sie die Erfahrung des Weihnachtsgottesdienstes als Ermutigung und Stärkung für den weiteren Lebensweg elementar wichtig ist: In dunkler Nacht wurde den Menschen vor mehr als 2000 Jahren gesagt: Fürchtet Euch nicht! Das galt damals den Hirten – und das gilt heute in gleicher Weise uns Menschen, die oftmals mit großer Sorge nicht nur vor Weihnachten stehen, sondern auch vor den kommenden Wochen.

Pfarrer Tobias Crins. Foto: BZV-Archiv/Arifi

Wie wichtig sind die Weihnachtsgottesdienste für die Kirche im Blick auf Fernstehende grundsätzlich?

Tobias Crins: Weihnachten hat in unserer Gesellschaft immer noch eine hohe Bedeutung als kirchliches Fest. Viele, die sonst selten direkten Kontakt mit unserer Gemeinde, kommen in die Gottesdienste. Das freut mich sehr. Wie nachhaltig dieses Erlebnis für ihren Glauben ist, kann ich natürlich nur mutmaßen. Ich wünsche mir, dass das Erleben der Weihnachtsbotschaft, den Besucherinnen und Besuchern eine Hoffnung vermittelt, die ihnen Kraft gibt, besonders in dieser schwierigen Zeit.

Martina Helmer-Pham Xuan: Das kann ich nur vermuten, denn die Fernstehenden haben sich von vielem in unseren Kirchen aus ganz unterschiedlichen Gründen abgewandt. Aber ich möchte gerade auch Fernstehende einladen, das Wunder der Weihnachten zu entdecken. Denn dieses gilt für uns alle!

Was raten Sie einem Pfarrer und seiner Gemeinde: Wie feiert man in diesem Jahr am besten Weihnachten unter Pandemiebedingungen?

Tobias Crins: Das wird jeder vor Ort mit seinem Kirchenvorstand für sich beurteilen müssen. Und da sind auch wir für unsere Gemeinden aktuell im ständigen Austausch. Die ganze pandemische Entwicklung ist ja eine sehr dynamische ist, daher scheint es mir wichtig zu sein, so tagesaktuell wie möglich darauf zu reagieren – und möglichst verschiedene Angebote vorzubereiten. Wir versuchen uns in Lelm, Räbke und Warberg da möglichst breit aufzustellen: Es gibt Gottesdienste im Altenheim, die von draußen auf dem Hof kontaktlos über Lautsprecher nach Drinnen übertragen werden, ein bewusst kleiner Gottesdienst in der Kirche (maximal 68 Personen), zwei größere Outdoorgottesdienste (mit maximal 150 Personen), offene Kirchen an Heiligabend, einen vorproduzierten Videogottesdienst, der aus allen drei Kirchen zusammengeschnitten und im Internet sowie auf DVD veröffentlicht ist, und eine Heiligabendandacht auf Papier zum Zu-Hause-Feiern. Noch dazu haben wir die Online-Angebote aus der Propstei: Ein Gottesdienst mit Krippenspiel und eine Christmette von der Propsteijugend. Wir hoffen damit möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, Weihnachten mit einer Andacht in ihrem Sinne zu begehen.

Martina Helmer-Pham Xuan: Wir haben in unserem Pfarrkonvent viele unterschiedliche Modelle und Formate bedacht, dazu gehören natürlich Gottesdienste in und vor Kirchen, auf Dorf- und Marktplätzen, mit Abstandsregeln, mit Mund- Nasenschutz, im Innenraum ohne Singen und viele andere Überlegungen. Einige Kollegen werden gar nicht in einer Kirche oder einem festen Ort Gottesdienste anbieten, sondern durch die Straßen des Ortes ziehen und dort mit Posaunen und Trompeten etwas von Weihnachten erzählen. Und falls wir aufgrund stark gestiegener Infektionszahlen auf all das verzichten, verweisen wir jetzt schon auf unsere Internetseiten der Propstei mit unseren Weihnachts-Video-Gottesdiensten.

Königslutters Pröpstin Martina Helmer-Pham Xuan. Foto: BZV-Archiv/Arifi

Verträgt die Weihnachtsbotschaft überhaupt so viel Abstand?

Tobias Crins: Die Vermittlung der Botschaft ist natürlich leichter, wenn wir in großer Runde in einer festlich geschmückten Kirchen zusammensitzen und singen können, aber im Kern ist gerade die Weihnachtsbotschaft eine, der es gelingen kann diesen Abstand zu überwinden. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein helles Licht“, das lesen wir Heiligabend beim Propheten Jesaja. Wenn ich tagsüber eine Kerze anzünde, dann macht ihr Licht kaum einen Unterschied. Erst wenn ich sie im Dunkeln entzünde, wird ihre Kraft wirklich deutlich. Das Dunkele ist in diesem Jahr wohl den meisten vertrauter als sonst, da brauchen wir nicht lange zu suchen. Wir haben alle unsere Schwierigkeiten damit die Pandemie auszuhalten. Um so größer kann die Hoffnung sein, die uns im „Fürchtet euch nicht“ der Engel zugesprochen wird. Dass Gott nicht fern ist, sondern Mensch wird, um bei mir zu sein, gibt mir persönlich Kraft die ganze soziale Distanz überhaupt auszuhalten.

Martina Helmer-Pham Xuan: Wir erinnern uns zu Weihnachten: Gott kommt zu uns Menschen aus Liebe. Und wir Menschen lernen in dieser Zeit, wie wir neu und anders von diesem Kommen Gottes aus Liebe erzählen. Wir haben diese Liebe Gottes erfahren und nehmen aus Liebe Abstand zu den Menschen. Ich freue mich, wenn wir  uns mit diesem Liebesbeweis neuen Wege zeigen können.

Was glauben Sie macht es mit den Menschen, wenn sie mit Verzicht und Alleinsein rund um Weihnachten rechnen müssen?

Tobias Crins: Das ist eine Frage, die mich Weihnachten schon immer beschäftigt und bewegt hat, nicht erst in diesem Jahr. Dadurch, dass Weihnachten bei uns vor allem als Familienfest gefeiert und mit der Erwartung der heilen Familien verbunden wird, gab es immer schon Menschen, für die das Fest eine echte Zumutung ist. In diesem Jahr spitzt sich die Situation im Hinblick auf die Pandemie besonders zu. Ich versuche in meinem persönlichen Umfeld die Menschen im Blick zu haben, die darunter besonders leiden. Kontaktaufnahme ist ja nicht verboten: Per Videochat, Telefon oder mit einem Weihnachtsbrief kann man auch Verbundenheit ausdrücken. Und als Seelsorger bin ich natürlich auch in der Weihnachtszeit ansprechbar.

Martina Helmer-Pham Xuan: Es tut den Menschen niemals gut, wenn sie allein sein müssen und keine Menschen kennen, der sie liebevoll in ihrem Leben begleitet – gerade in der Weihnachtszeit sollten wir daher genau schauen, wie wir einander sagen können: „Ich bleibe auf Abstand – dir zuliebe! Nimm das in diesem Jahr nicht als Lieblosigkeit, sondern als Liebesbeweis, damit wir nicht nur das kommende Ostern, sondern auch in einem Jahr zusammen Weihnachten feiern können!“

Muss Corona auch in der Weihnachtspredigt vorkommen – oder sollte die Christmette coronafreie Zone bleiben?

Tobias Crins: Es geht in Predigten ja immer um die Beziehung von Gott zu uns Menschen. Und Weihnachten wird besonders deutlich, wie wichtig Gott diese Beziehung ist. Corona ist das Thema, das uns alle gerade beschäftigt. Daher wird es auch in den meisten Weihnachtspredigten Raum einnehmen. Die Sorge um eine Ansteckung und die Auswirkungen werden uns auch das nicht nehmen, aber die Sorge, dass dieses Virus mein Leben bestimmt schon. Ich denke eine gute Perspektive für das Weihnachtsfest und auch die Predigt in diesem Jahr ist: Wir müssen Weihnachten nicht retten, sondern Weihnachten rettet uns.

Martina Helmer-Pham Xuan: Wir leben als Christen in der Welt. Gott kommt zu Weihnachten in die Welt der Menschen mit all ihren Sorgen und Nöten. Unsere Welt ist in diesen Tagen von der Sorge um Corona, aber auch vielen anderen Nöten bestimmt, und daher wird Corona auch in der Weihnachtspredigt vorkommen – es geht uns in unseren Predigten doch immer um die Erinnerung daran, dass Gott bei den Menschen ist.

Können Sie der aktuellen Corona-Krise aus kirchlicher Sicht auch was Positives abgewinnen?

Tobias Crins: Es klingt etwas abgedroschen, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt, aber ich sehe da tatsächlich einiges. Das Virus macht deutlich, dass Dinge, die wir nicht direkt sehen können, trotzdem real sind. Das ist für mich auch ein wichtiger Hinweis im Hinblick auf die Diskussion um den Klimawandel und die Bewahrung der Schöpfung. Es zeigt mir auch nochmal, wie wichtig Gemeinschaft ist. Das Vereinswesen und auch die Kirchenmitgliedschaft lässt zunehmend nach, auch weil wir uns heute ungern festlegen, binden und dauerhaft Verantwortung für etwas übernehmen. Wie wertvoll all das ist, merkt man oft erst, wenn es nicht mehr da ist. Und dann ist die Pandemie natürlich auch ein Katalysator für die digitale Arbeit in der Kirche: Pfarrkonvente, Konfirmandenarbeit, Gottesdienste  –das alles hätte es digital ohne Corona wohl nur in wenigen Fällen gegeben.

Martina Helmer-Pham Xuan: Positiv ist für mich, dass ich mich verabschiede von dem Gedanken, dass ich alles allein schaffen kann, dass alles immer schneller, weiter, größer werden muss. Ich erlebe, dass wir bescheidener werden, das Großartige im Kleinen entdecken, und dass Gottes Wege nicht unsere sind. Und: Wir entdecken, dass wir einander verbunden sind über Generationen hinweg. Wir nehmen unsere Verantwortung für die Älteren wahr, die vieles für uns aufgebaut haben – vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und heute gilt unsere vorausschauende Fürsorge den Kindern und Jugendliche, damit sie Kraft und Mut haben, das Leben fröhlich und zuversichtlich in die Hand zu nehmen. Wir lernen, dass wir weltweit miteinander in Solidarität verwundbar und verbunden sind. Ich freue mich darüber, dass ich Menschen in der weltweiten Kirche erlebe, die ähnliche Sorgen haben, und denen ich mich an jedem Tag neu im Gebet verbunden weiß. Oft habe ich das Gefühl, dass in dieser weltweiten Geschwisterschaft der Christen manches Schwere leichter zu tragen wird. Ich bin dankbar, dass Gott in meinem Alltag präsenter ist als jemals gedacht und hoffe für uns alle auf ein gesegnetes Jahr 2021.

 

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