Raus aus dem Corona-November-Blues - Neue Helmstedter
13. November 2020
Gesundheit

Raus aus dem Corona-November-Blues

Im Interview spricht Psychotherapeutin Barbara Weimann über seelische Folgen der Corona-Krise

Erste Erhebungen bereits gezeigt, dass Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen während der Lockdown-Phasen zugenommen haben. Foto: imago/Stefan Zeitz

Helmstedt. Maskenpflicht, Abstand halten und seit Anfang November gelten sogar wieder noch stärkere Einschränkungen, soziale Kontakte sollen vermieden werden. Fitnessstudios und Kneipen sind auch keine Alternative mehr. Hinzu kommen graue Wolken, nasskalte Luft und ein eisiger Wind: Das alles reicht, um die Stimmung zu trüben.

Wir haben mit Psychotherapeutin Barbara Weimann aus Helmstedt darüber gesprochen, welche Folgen die Pandemie auf unsere Psyche haben kann und wie wir uns gegen den Corona-November-Blues wappnen können. Kleinigkeiten genügen fürs Erste.

Nur Nichtstun ist keine Option: So haben erste Erhebungen bereits gezeigt, dass Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen vor allem während der Lockdown-Phasen zugenommen haben.

Psychotherapeutin Barbara Weimann. Foto: privat/oh

Frau Weimann, Corona und Novemberblues – haben Psychotherapeuten in diesen Tagen mehr zu tun?
Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, wirkt sich das bei vielen Menschen negativ auf die Stimmung aus. Erneut mit Corona und den Beschränkungen konfrontiert zu werden, in einer dunklen Jahreszeit, das ist eine hohe Belastung. In den vergangenen Wochen ist also schon spürbar, dass wir zusätzlich weitere Anfragen bekommen.

Steigende Fallzahlen und mehr Einschränkungen: Die Corona-Krise verschärft sich wieder. Was macht das mit unserer Psyche?
Für die Psyche ist jedes Auf und Ab, von einem Extrem in das nächste, eine Herausforderung. Je widerstandsfähiger ein Mensch ist, umso mehr ist er in der Lage, Krisen zu begegnen und das Bestmögliche daraus zu machen. Je mehr aber diese Resilienz (psychische Widerstandskraft, Anm. d. Red.) fehlt, umso eher reagiert er auf Probleme mit unterschiedlichen Symptomen, die sich etwa als Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Herzrasen oder auch als Krankheitsbilder wie Angststörungen und Depressionen zeigen können.

Kann jeder in einer solchen Situation, wie wir sie derzeit erleben, eine psychische Erkrankung entwickeln?
Dass jeder wegen der Corona-Krise eine psychische Erkrankung entwickeln kann, möchte ich nicht behaupten. Aber: Jeder Mensch hat seine Schwachstellen. Es kann also durchaus passieren, dass er beispielsweise Ängste entwickelt, die er vorher noch nie gespürt hat.

Die Kontaktbeschränkungen stellen vor allem Ältere und Alleinlebende vor eine große Herausforderung. Wie gefährlich kann dauerhafte Einsamkeit für die Psyche eines Menschen sein?
Menschliche Kontakte sind für unser Wohlbefinden sehr wertvoll, wenn sie wegbrechen, führt das in der Regel zu einer Verschlechterung unserer psychischen Verfassung. Für viele ist eine Umarmung zur Begrüßung der einzige Körperkontakt, den sie überhaupt haben. Wenn solche Menschen Kindern, Enkeln und Freunden nur noch unter Wahrung des Mindestabstands begegnen, fehlt ihnen also etwas ganz Wesentliches. Einsamkeit fühlt sich schmerzhaft an und geht oft mit Traurigkeit und einem Gefühl von Kontrollverlust einher. Studien belegen, dass sie krank macht und ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Krebs oder Demenz bedeutet und eben auch Depressionen auslösen kann.

Gibt es auch Menschen, die psychisch von der Pandemie profitieren?
Ja. Es gibt auch Menschen, die die Zeit als Erleichterung empfinden. Gerade der erste Lockdown im März hat einigen die Möglichkeit gegeben, wieder zu sich selbst zu finden und innere Freiräume zu schaffen. Da wurde zu Hause aufgeräumt und aussortiert statt von einem Termin zum nächsten zu hetzen. Außerdem entdecken viele das Landleben und die Natur neu. Und Familien sind wieder enger zusammengerückt. Das Leben in Coronazeiten ist nicht immer einfach zu meistern, birgt aber großes Potenzial für den Alltag, solange nicht übermäßige reale Belastungen wie eine existenzielle wirtschaftliche Bedrohung Raum hierfür lassen.

Wie bekommt man Corona im Alltag aus dem Kopf?
Es ist wichtig, auch weiterhin Kontakte zu pflegen – auch in Zeiten von Corona gibt es viele Möglichkeiten, sich mit anderen auszutauschen, etwa per Telefon, Videochat und Brief oder auch bei Kontakten im Freien wie einem gemeinsamen Spaziergang. Die angespannte Situation komplett zu verdrängen, ist nicht hilfreich – sie hingegen ab und an zu ignorieren, ist in Ordnung. Soll heißen: Es ist notwendig, gut informiert zu sein, ich muss aber auch mal Stopp sagen können, mich ablenken und auf die Suche gehen nach dem, was mir gut tun könnte und es aufgreifen. Licht und Bewegung zum Beispiel wirken Wunder. Die Pandemie, ja, sie hat uns fest im Griff, bestimmen aber sollte sie uns nicht.

In diesen Tagen wirken Licht und Bewegung Wunder. Ein gutes Buch schafft für einen Moment Ablenkung. Foto: pixabay/oh

Info

Barbara Weimann Ärztin
Therapie, Beratung, Coaching Psychotherapeutische Privatpraxis Schöninger Straße 21 38350 Helmstedt

Sprechstunden nach Vereinbarung

Telefon 05355/9 16 22
E-Mail mail@psychotherapie-weimann.de
Internet www.psychotherapie-weimann.de

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