19. September 2020
Allgemein

Zu wenig Kräfte für die Gastronomie

Betriebe halten trotz Corona an ihrem Personal fest – Es gibt nicht mehr Kräfte als vor der Krise

Sibylle Rademacher sucht schon lange händeringend Mitarbeiter für den Service, jedoch vergeblich. Foto: Erik Beyen

Helmstedt. Die Gastronomie im Landkreis Helmstedt hat ein Fachkräfteproblem. Das geht aus der Antwort der Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Helmstedt, Wiebke Saalfrank, auf eine Anfrage unserer Zeitung hervor. Demnach kommen auf 21 vakante Stellen 57 potenzielle Bewerber, das sind Arbeitslose mit Zielberuf in der Gastronomie. Das macht weniger als drei Bewerber. „Wir haben hier also einen deutlichen Personalengpass“, schreibt Saalfrank.

In der Hotellerie sind derzeit (Stand: 17. September) nur drei freie Stellen bei der Agentur in Helmstedt registriert. Von einem Engpass oder auch Mangel spricht man unter den Experten, wenn weniger als drei Bewerber auf eine freie Stelle kommen.

Florian Hary, stellvertretender Dehoga-Vorsitzender des Kreisverbandes Wolfsburg-Helmstedt, wundern die aktuellen Zahlen nicht: „Der Fachkräftemangel, den wir vor der Corona-Krise hatten, ist nun nicht überwunden, auch, wenn das manchmal gefühlt so wirkt und viele das glauben“, erklärte er in einem Telefonat. Natürlich hätten viele Häuser wenig zu tun. Das aber bedeute nicht, dass die entsprechenden Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt zu Verfügung stünden, im Gegenteil: „Ich höre sehr oft, dass Gastronomen ihre Kräfte nicht beschäftigen können, sie aber allesamt in Kurzarbeit haben, weil sie wissen, dass sie ihre Leute brauchen“, so Hary, der ergänzt: „Ich denke, dass viele Betriebe ihre Mitarbeiter halten, so gut es irgend geht.“

Wenig zu tun hat Sibylle Rademacher in ihrem Restaurant auf dem Autohof in Wendhausen nicht. Im Gegenteil: „Ich brauche dringend motiviertes Personal für den Service“, sagte sie. Das Problem sei, sie finde keines, und das schon seit Jahren. „Inzwischen frage ich mich, ob die Autohofgastronomie einen schlechteren Ruf hat.“ Doch das sieht Florian Hary eher nicht. „Nein, es arbeiten so viele motivierte Leute in der Systemgastronomie. Warum sollte ein Autohofrestaurant, das zudem noch gut erreichbar ist, da unbeliebter sein?“

Rademacher sieht aber ein Phänomen: Bewerber, die von der Agentur für Arbeit sozusagen geschickt werden. „Mir werden immer wieder Bewerber angekündigt. Wenn sie denn kommen, sind sie oft nicht interessiert, völlig unmotiviert oder schlichtweg nicht geeignet“, erklärte sie. Auch Florian Hary kennt das Problem offenbar: „Ich habe mich schon immer gefragt, ob wirklich oder nach welchen Gesichtspunkten selektiert wird.“

Wiebke Saalfrank ist erstaunt. „Das tut uns leid“, erklärte sie, „wir können niemanden zwingen, eine Stelle anzunehmen.“ Stellen würden entsprechend der im persönlichen Gespräch mit dem Berater festgehaltenen Qualifikationen, Fähigkeiten und Neigungen angeboten.

Sibylle Rademacher hat ihre Stellenbeschreibung nun geändert. Die Qualifikation, sagt sie, könne man bei ihr erwerben. „Ich will motivierte Menschen, die gern mit anderen Menschen umgehen. Punkt.“

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