Hilfsprogramm mit Haken und Ösen - Neue Helmstedter
1. August 2020
Arbeit

Hilfsprogramm mit Haken und Ösen

Die staatliche Überbrückung für coronageschädigte Betriebe ist an Hürden gekoppelt

Florian Hary, der stellvertretende Vorsitzende des Dehoga-Bezirksverbandes, hat Verständnis für den Ärger und die Sorgen. Er betrachtet sowohl das Hilfsprogramm der Bundesregierung als auch den N-Bankkredit differenziert. Foto: BZV-Archiv/Priebe/regios24

Wendhausen. Sibylle Rademacher betreibt ein Restaurant auf dem Autohof in Wendhausen. Während des Lockdowns bewirtete sie ihre Trucker außer Haus und mühte sich nach Kräften, präsent zu bleiben und den Betrieb nicht abschließen zu müssen.

Sie hat es geschafft, mit blauen Flecken und Einbußen. Nun würde sie gern von der Überbrückungshilfe der Bundesregierung profitieren. Doch daraus wird nichts. „Frau Rademacher hat zu gut durchgehalten“, sagt die Lohnbuchhalterin Andrea Wanner. Sie ist für verschiedene Unternehmen aktiv, darunter auch für die Gastronomin aus Wendhausen. „Ihr Verlust war nicht hoch genug für das Bundesprogramm“, erklärt die Expertin.

Die erste Hürde für Anträge sind die Einbußen: 60 Prozent müssen diese im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum, das wären April und Mai 2019, betragen, erklärt Wanner. Rademachers Einbußen lagen wenige Prozente darunter. Die Buchhalterin sieht diese „pauschale“ Hürde kritisch: „Eine Einzelfallbewertung wäre nötig“, sagt sie, denn nun würden eben jene Betriebe bestraft, die im Lockdown alles getan hätten, um ein mögliches Aus zu verhindern. „Hätte Frau Rademacher ihren Betrieb geschlossen, wäre sie nun vermutlich in den Genuss der Hilfen gekommen“, schätzt Wanner ein.

„Ich komme mir etwas veräppelt vor“, sagt Rademacher selber. Um Einbußen abzufedern, hat sie einen Kredit bei der N-Bank beantragt, sozusagen die Katze im Sack, wie ihre Buchhalterin meint: „Zwei Jahre ist der zins- und tilgungsfrei, dann erst bekommt man das eigentliche Kreditangebot mit den wahren Zinsen“, begründet sie.

Florian Hary, der stellvertretende Vorsitzende des Dehoga-Bezirksverband, hat Verständnis für den Ärger und die Sorgen. Er betrachtet sowohl das Hilfsprogramm der Bundesregierung als auch den N-Bankkredit differenziert: Letzterer sei eine Chance, wie Hary meint. Nach zwei Jahren habe der Unternehmer die Möglichkeit, das Geld in einem Betrag zurückzuzahlen oder aber in Raten. Das sei auch eine Hilfe. Zur Überbrückungshilfe des Bundes erklärt er: „Jedes Förder- oder Hilfsprogramm ist an Bedingungen geknüpft. Das gilt sogar für die Soforthilfe.“

Natürlich sei es ärgerlich, wenn ein Betrieb wegen weniger Prozent durch das Raster falle, aber: „Die jetzigen Hilfen sind schon recht individuell. Das ist nicht mehr die Gießkanne“, erklärt er uns am Telefon. Zwar seien die Betriebe noch lange nicht im Normalmodus angekommen, doch: „Wir müssen lernen, damit zu leben, ob uns das persönlich nun gefällt oder nicht. Es ist auch nicht mehr alles wegen Corona schwierig.“ Die größte Gefahr sei aus seiner Sicht die Angst der Menschen. Diese wiege viel schwerer als jeder behördlich verordnete Lockdown.

Sibylle Rademacher hat die Hilfen abgehakt: „Ich würde das immer wieder so machen“, sagt sie und plant sogar für die Zukunft: „Jetzt bin ich auf der Suche nach Verstärkung für mein Team.“

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