Die „Herrin der Zellen“ - Neue Helmstedter
26. Juni 2020
Menschen

Die „Herrin der Zellen“

Dr. Laura Steenpaß erforscht zelluläre Modelle für genetisch bedingte Erkrankungen

Biologin Dr. Laura Steenpaß ist zur Abteilungsleiterin für Menschliche und Tierische Zellkulturen an das Leibniz-Institut DSMZ und zur Professorin an die TU Braunschweig berufen worden. Foto: Leibniz-Institut DSMZ/oh

Region. Wie weiblich ist die Wissenschaft? Bei Nobelpreisen und Erfindungen sind Männer klar in der Mehrheit.

Die gute Nachricht: Es gibt auch Fächer, in denen der Anteil der Forscherinnen immer weiter steigt. Eine, die sich durchgesetzt hat und ihren Weg gegangen ist, stellen wir heute in der NH vor.

Wenn Dr. Laura Steenpaß über ihre Arbeit spricht, klingt es, als sei sie eben erst aus dem Labor zurückgekehrt. „Die Erforschung von zellulären Modellen – vor allem unter der Verwendung von Stammzellen – für genetisch bedingte Erkrankungen ist für mich eine faszinierende Welt“, sagt die Biologin.

Experimentieren, untersuchen und verstehen, wie der Mensch funktioniert – ja, das wollte die 47-Jährige schon als Kind. Heute hat sie sich ihren Traum längst erfüllt und ist zur Abteilungsleiterin für Menschliche und Tierische Zellkulturen an das Leibniz-Institut DSMZ und zur Professorin an die TU Braunschweig berufen worden.

Steenpaß’ Werdegang liest sich wie eine Erfolgsstory: Studium, Promotion, Postdoc-Aufenthalte, Habilitation. Neben ihrer gegenwärtigen Arbeit ist die berufstätige Mutter auch als Ad-hoc-Reviewerin tätig – sie prüft und rezensiert Texte und Ergebnisse für zahlreiche international geschätzte Fachzeitschriften – und unterstützt als Gutachterin die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Dr. Laura Steenpaß rät jungen Frauen, sich nach der Masterarbeit oder der Promotion ein wirklich gutes Labor auszusuchen. Foto: Leibniz-Institut DSMZ

Zuletzt hat sie an Modellen für seltene Krankheitsbilder gearbeitet – unter anderem am Angelman-Syndrom, bei dem die Nervenzellen im Gehirn der Patienten verändert sind, und am Retinoblastom, einer Tumorerkrankung des Auges, die nur bei Kindern unter fünf Jahren auftritt. „Mein Ziel ist es, zu verstehen, warum Menschen krank sind“, verdeutlicht Steenpaß.

Mit Hindernissen in ihrer Laufbahn sah sich die zweifache Mutter kaum konfrontiert: „Natürlich gibt es in der Wissenschaft auch noch immer männlich geprägte Hierarchien und Seilschaften, die sich nicht so leicht durchbrechen lassen“, meint Steenpaß und fügt hinzu: „Ich persönlich bin hier aber auf keine Wider-stände gestoßen. Ich denke, dass sich die Ungleichheit im Geschlechterverhältnis mit der Zeit auflösen wird. Viele Chef-Positionen sind einfach schon seit längerer Zeit besetzt und stehen im Moment einfach nicht zur Verfügung. Ich bin aber sicher, dass sich bei anstehenden Nachbesetzungen auch Frauen bewerben und berücksichtigt werden. Zumal das derzeit auch gezielt gefordert und gefördert wird.“

Die größte Hürde im alltäglichen Berufsleben in der Wissenschaft sei sicherlich immer noch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, so Steenpaß. „Es ist gut belegt, dass auch in gleichberechtigten Partnerschaften die Mütter mehr Beziehungs- und Familienarbeit leisten als die Väter.“

Diese Ungleichheit sei aber nicht immer strukturell bedingt, „jede Frau entscheidet ja auch selbst, woran sie teilhaben möchte und was sie abgibt. Ich, zum Beispiel, bin immer gerne zum Laterne basteln in den Kindergarten gegangen und habe das nicht als zusätzliche Last empfunden“, betont Steenpaß. „Ich hatte allerdings auch das Glück, Vorgesetzte zu haben, für die das Ergebnis zählte und nicht, wann die Arbeit dafür geleistet wurde.“

Zukünftig möchte die „Herrin der Zellen“ sich und die Abteilung am Wissenschaftsstandort Braunschweig gut vernetzen und die Sichtbarkeit der Zellbank an der DSMZ erhöhen. „Damit der Schatz – die Ressource Zelllinien –, den wir hier hegen, pflegen und ständig vergrößern von immer mehr Wissenschaftlern entdeckt und genutzt werden kann“, sagt Steenpaß.

„Es lohnt sich, nicht den bequemsten Weg zu gehen“

Der Anteil an Frauen in Forschung und Wissenschaft ist in Deutschland nach wie vor gering. Im Kurz-Interview mit Dr. Laura Steenpaß, Abteilungsleiterin für Menschliche und Tierische Zellkulturen am Leibniz-Institut DSMZ und Professorin an der TU Braunschweig, sprachen wir über die Gründe.

Frau Dr. Steepaß, was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die heute noch geringe Zahl von Frauen in leitenden Positionen in der Wissenschaft?
Bei den Studienanfängern und den Promotionen in den naturwissenschaftlichen Fächern ist das Geschlechterverhältnis mittlerweile recht ausgeglichen, erst bei den Habilitationen ist der Unterschied mit einem Frauenanteil von etwa 20 Prozent deutlich. Dies liegt sicher daran, dass in der Lebensphase nach der Promotion auch die Entscheidung der Familiengründung ansteht. Um eine Familie zu gründen braucht es eine gewisse finanzielle Sicherheit, Zeit und eine Job-Perspektive. Gerade finanzielle Sicherheit und eine sichere Job-Perspektive sind mit den meist befristeten Stellen im akademischen Mittelbau sehr lange nicht gegeben. Also entscheiden sich viele Frauen gegen diesen Karriereweg, da sie sich auf diese Unsicherheit nicht einlassen wollen. Und es sind nun einmal die Frauen, die die Kinder gebären und meist auch deren Betreuung übernehmen und natürlich auch übernehmen wollen. Das bedeutet dann, dass die Zeit für die berufliche Weiterqualifikation knapper wird.

Was raten Sie jungen Frauen, die in der Wissenschaft beruflich Fuß fassen möchten?
Überlegen Sie sich gut und ehrlich – nach der Masterarbeit, nach der Promotion –, ob Sie eine Karriere in der Wissenschaft anstreben wollen. Wenn ja, machen Sie das und suchen Sie sich ein wirklich gutes Labor aus. Es lohnt sich, hier nicht den bequemsten Weg zu gehen. Denn von der Reputation des Labors in dem man seine Promotion oder seinen Postdoc gemacht hat, kann man lange zehren. Suchen Sie sich Mentoren, die Sie unterstützen, sowohl fachlich als auch persönlich. Und vor allem, trauen Sie sich selbstständig zu werden, Verantwortung zu übernehmen und ein eigenes Profil zu entwickeln und zu vertreten.

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