Zu Fuß durch die deutsche Geschichte - Neue Helmstedter
19. Juni 2020
Freizeit

Zu Fuß durch die deutsche Geschichte

Beatrix Flatt erwandert das „Grüne Band“ und veröffentlicht ein Buch über ihre Begegnungen

Die Helmstedterin und Autorin Beatrix Flatt hat sich das „Grüne Band“ über die gesamten Kilometer erwandert. Foto: privat

Helmstedt. Grüne Wälder, malerische Ausblicke, urige Örtchen und dazwischen eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten – der Region mangelt es wahrlich nicht an spannenden Ausflugszielen. Doch sind Sie schon einmal auf dem „Grünen Band“ gewandert?

Fast 1 400 Kilometer schlängelt sich das „Grüne Band“, der Streifen zwischen dem ehemaligen Kolonnenweg und der innerdeutschen Staatsgrenze, vom Dreiländereck (Sachsen-Bayern-Tschechien) bei Hof nach Travemünde an der Ostsee durch neun Bundesländer.

„Es ist nicht nur der längste länderübergreifende Biotopverbund Deutschlands und zugleich eine Schatzkammer der Artenvielfalt. Das Band erinnert auch an die Überwindung der deutschen Teilung“, erzählt Beatrix Flatt und fügt hinzu: „Neben zahlreichen Grenzmuseen und Gedenkstätten sind Grenzpfähle, Grenztürme, Reste der Grenzanlagen und der Kolonnenweg stumme Zeugen in der Landschaft.“

Die Helmstedterin und Autorin hat sich das „Grüne Band“ über die gesamten Kilometer erwandert und die Route in ihrem Buch „Grenzenlos. Begegnungen am Grünen Band“ dokumentiert. Was sie auf ihren Touren, die sie auch durch Helmstedt und Bahrdorf führten, erlebte und wen sie alles traf, erzählt sie uns im Interview.

Frau Flatt, was war für Sie das Schönste und Einprägsamste auf Ihrer Wanderung?
Die Vielfalt der Natur und der Landschaften sowie die Menschen, denen ich begegnet bin, waren das Prägende meiner journalistischen Wanderung. Begeistert haben mich das ehrenamtliche Engagement und die Kreativität vor Ort, um diese strukturschwachen Regionen lebenswerter zu machen. Trotzdem dürfen diese Regionen nicht vergessen werden, sondern brauchen Unterstützung, damit auch in Zukunft noch Menschen dort leben werden.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie Ihre Sachen gepackt haben und losgewandert sind?
Mich begleitete diese Idee, die ehemalige innerdeutsche Grenze komplett abzuwandern, schon über viele Jahre. Ich stand unzählige Male auf dem Kolonnenweg bei Helmstedt und verspürte den Wunsch, diesen Weg durch Deutschland einmal komplett zu gehen. Eigentlich wartete ich auf den Zeitpunkt, dass ich mal gut zwei Monate am Stück Zeit hätte. Doch das ist schwierig. Als mir im letzten Jahr bewusst wurde, dass das „Grüne Band“ 30-jähriges Jubiläum feiert, entschloss ich mich, loszulaufen. Ich blockierte alle freien Zeitfenster, lief in 63 Tagen in mehreren Etappen vom Dreiländereck bei Hof bis zur Ostsee und verband diesen Weg mit meiner journalistischen Arbeit.

Während ihrer Wanderung traf Beatrix Flatt auf Reinhard Duckstein, Viola Vorbrod und Thomas Kempernolte (von links). Die drei kümmern sich ehrenamtlich um grenzenlose Rad- und Wanderwege im Lappwald. Fotos (2): Beatrix Flatt

Gibt es Lebensweisheiten, die Sie im Nachhinein für sich mitgenommen haben?
Ich weiß nicht, ob das eine Lebensweisheit ist, aber es ist toll, die Langsamkeit des Gehens zu entdecken und trotzdem zu spüren, wie man seinem Ziel mit jedem Schritt näher kommt.

Welcher Weg beziehungsweise welcher Platz oder Ort, den Sie in Ihrem Buch vorstellen, ist Ihr persönlicher Favorit und warum?
Ich kann und möchte mich nicht auf einen persönlichen Favoriten festlegen. Es gibt so viele wunderbare Orte und Abschnitte, die mich fasziniert haben. Da sind zum Beispiel stellvertretend die geschleiften Dörfer Liebau im Landkreis Sonneberg oder Jahrsau in der Altmark, das Werrabergland oder die Elbtalauen. Aber diese kurze Aufzählung ließe sich noch erweitern.

Was war die ungewöhnlichste Begegnung, die Sie bei Ihrer Wanderung erlebt haben?
Auch hier fällt mir eine Antwort schwer, denn es gab so viele unterschiedliche Begegnungen. An einem Treffpunkt direkt an einem Mauerrest in der Nähe von Wittingen hatte ich zwei Termine mit Interviewpartnerinnen: Zuerst eine Frau, die den Protest gegen ein mögliches Atommüllendlager in einem Salzstock in der Nähe des kleinen Dörfchens Waddekath koordiniert. Die zweite Frau erzählte von ihrem Leben direkt an der ehemaligen Grenze als Expertin für alte Obstsorten. Zusätzlich hat sie das Schreiben für sich entdeckt, in der Hoffnung auf Versöhnung mit der Vergangenheit.

Worauf sollten Wanderer, die das „Grüne Band“ erkunden wollen, unbedingt achten? Was raten Sie Ihnen?
Ganz wichtig ist eine gute Vorbereitung. Der Weg ist nicht durchgängig ausgeschildert, es gibt wenig Übernachtungsmöglichkeiten und auch die Verpflegung ist nicht immer einfach. Wer ein bisschen Abenteuerlust hat, kann tolle Sachen entdecken.

Fröhliche Begegnung: Auf dem Kolonnenweg bei Beendorf machte Beatrix Flatt Bekanntschaft mit den Mädchen und Jungen des Waldkindergartens Beendorf.

Für was steht das „Grüne Band“ für Sie?
Das „Grüne Band“ ist zum einen der längste Biotopverbund Deutschlands und zum anderen ein Mahnmal gegen Krieg, Grenzen und Mauern.

Eine Ihrer Begegnungen findet am Lappwaldsee statt. Hier gibt es Überlegungen ein mobiles Hotel aufzustellen. Warum glauben Sie ist das Gebiet als Ausflugsziel eigentlich so beliebt, obwohl es dort kaum Infrastruktur gibt?
Seen, Flüsse und Meere locken Menschen an. Diese Gewässer erinnern an Urlaub und stehen für eine kurze Auszeit aus dem Alltag. Außerdem gibt es dort meist einzigartige Biotope. Um diese zu entdecken, braucht es erst einmal wenig Infrastruktur. Ich glaube, dass der Lappwaldsee bei den Menschen so beliebt ist, weil sie hier beobachten können, wie aus einer Tagebaulandschaft langsam ein Naherholungsgebiet entstehen kann. Leider dauert dieser Prozess sehr lange und die Menschen warten darauf, dass sie endlich auch den See selbst nutzen können.

Während Ihrer Wanderung trafen Sie auf Viola Vorbrod und Thomas Kempernolte. Die beiden kümmern sich ehrenamtlich um grenzenlose Rad- und Wanderwege im Lappwald. Was glauben Sie? Wie wichtig sind solche Menschen, um den Tourismus in einem Landkreis voranzutreiben?
Ohne ehrenamtliches Engagement gäbe es diese ausgeschilderten Rad- und Wanderwege nicht. Nur wenn es Menschen vor Ort gibt, die an die Region glauben und sich für die Region einsetzen, kann sich Tourismus entwickeln. Allerdings brauchen Ehrenamtliche immer Unterstützung, damit das Engagement nachhaltig zum Erfolg führt.

Info

Beatrix Flatts „Grenzenlos – Begegnungen am Grünen Band“ ist im Verlag Andreas Reiffer erschienen. Das Buch ist unter ISBN 978-3-945715-89-5 erhältlich.

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