Knappschaft lehnt Therapierad ab - Neue Helmstedter
17. Mai 2020
Menschen

Knappschaft lehnt Therapierad ab

16-Jähriger leidet an schlimmer Form der Epilepsie – Fahrrad soll ihm Mobilität ermöglichen

Vanessa Schulze und ihr Sohn Lukas schauen sich das Fahrrad an, das die Knappschaft nicht bezahlen will. Foto: Beyen

Mackendorf. Wer den 16 Jahre alten Lukas aus Mackendorf besucht, der trifft auf einen jungen Mann mit enormem politischen wie gesellschaftlichen Wissen. Und trotzdem unterscheidet sich der Jugendliche von anderen in seinem Alter: Er hat geistige Beeinträchtigungen und zeigt autistische Züge.

Dennoch würde er sein Leben meistern, wäre da nicht diese Krankheit. Lukas leidet an einer nicht therapierbaren Form der Epilepsie. Diese bringt unberechenbare Anfälle mit sich. Damit er mobil sein kann, bräuchte er ein Spezialfahrrad. Doch das will die Krankenversicherung der Familie, die Knappschaft, nicht bezahlen.

An seine Anfälle hat Lukas keinerlei Erinnerungen, im Gegenteil, für ihn beginnt die Zeitrechnung danach stets dort, wo ein Anfall seinen Alltag unterbrochen hat. „Die kommen ohne jede Vorwarnung“, erzählt seine Mutter Vanessa Schulze. Es sind sogenannte Grand Mal Anfälle. Sie beginnen bei Lukas stets mit einem Initialschrei.

„Dann krampft er an die zwei Minuten lang, braucht 90 Minuten, um mit Hilfe wieder drei Schritte gehen zu können, schläft danach mehrere Stunden und braucht drei Tage zur Erholung“, erzählt Schulze. Lukas ist über 1,80 Meter groß. Bei einem Anfall geht er wie ein nasser Sack zu Boden. „Dabei hat er sich schon heftige Prellungen zugezogen“, erinnert sich seine Mutter. Alleine lässt sie ihren Sohn nicht auf die Straße. Um ihn im Ernstfall etwa aus gefährlichen Lagen zu befreien, hat die Familie einen Bereitschaftsplan entwickelt, denn ein Mensch alleine kann den Jungen nicht bewegen, trotz einer klappbaren Trage. Außerdem trägt er draußen immer einen speziellen Schutzhelm.

Lukas ist im Göttinger Klinikum in Behandlung. Dort hat man ihm ein Therapiefahrrad verordnet, damit er zumindest eingeschränkt soziale Kontakte pflegen und sich vor allen Dingen bewegen kann. Das Rad kostet über 5500 Euro. Es ist ein flaches Dreirad, auf dem er halb liegend mit den Beinen voran tritt, rechts und links des Sitzes befindet sich die Lenkung.

„Auf dem Sattel ist er angeschnallt, und im Zweifel würde er bei einem Krampf nicht tief fallen“ sagt seine Mutter Vanessa. Doch die Knappschaft lehnte das Fahrrad als nicht notwendig ab.

Seit Januar läuft das Widerspruchsverfahren. „Im Gesetz sind dafür maximal drei Monate vorgesehen“, sagt Christine Achilles, Fachanwältin für Sozialrecht beim Sozialverband Deutschland (SoVD). Aus ihrer Sicht gibt es keinen Grund für eine Ablehnung. „Ein Bescheid müsste jetzt mal her, damit Frau Schulze den nächsten Schritt gehen kann“, ergänzt die Anwältin in einem Telefonat. Je nach Verhalten der Knappschaft wäre das demnach eine Untätigkeitsklage oder aber eine Klage gegen eine Ablehnung.

Auf Anfrage lehnte die Knappschaft eine Stellungnahme zum konkreten Fall mit Verweis auf das laufende Verfahren ab. Die Verzögerung liege wohl an Problemen mit einer Softwareumstellung, hieß es, eine Aussage, die Vanessa Schulze nicht gelten lässt: „Das höre ich seit Dezember.“

Bereits in der Vergangenheit bewilligte die Knappschaft Hilfsmittel für den Jungen erst nach einem Widerspruch. Auf die Frage nach den Gründen dafür, schrieb der Pressesprecher Wolfgang Buschfort wörtlich: „Dass Leistungen nach einem Widerspruch nach einer vorherigen Ablehnung genehmigt werden, ist ein rechtlich so gewolltes Verfahren.“

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