Ganz normal und ganz besonders

Die dreijährige Marella aus Grasleben führt mit der Trisomie 21 ein gut eingespieltes Leben

Marella (von links, im Uhrzeigersinn) spielt im Kindergarten Abenteuerland in Grasleben mit ihrer Frühförderin Inga Meyer und ihrer Kindergarten-Begleiterin Sina Liebs sowie den Kindern Emmy und Gina. Foto: Lebenshilfe/oh

Grasleben. „Das Leben mit dem Down-Syndrom ist lebenswert und liebenswert“, betont die Grasleberin Katharina Thieme-Hohe. Ihre Tochter Marella ist dafür der beste Beweis.

Die Dreijährige führt mit der Trisomie 21 und mit etwas mehr Unterstützung als ihre Altersgenossen ein ganz normales Leben, besucht beispielsweise den Kindergarten Abenteuerland im Dorf. Neugierig, verspielt, voller Kraft und Lebensfreude – eben ein dreijähriges Mädchen: diesen Eindruck hinterlässt Marella bei jedem Beobachter.

Das Down-Syndrom bezeichnet das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms im Erbgut. Am vergangenen Donnerstag machte der Welt-Down-Syndrom-Tag darauf aufmerksam. In Deutschland lassen schätzungsweise neun von zehn Müttern bei der Diagnose Trisomie 21 abtreiben. „Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen musste“, sagt Thieme-Hohe. Für sie war es eine Überraschung bei der Geburt. Heute ist sie eine erklärte Gegnerin der Frühtests und der daraus resultierenden Abtreibungen. „Die Gesellschaft beraubt sich so ihrer Vielfalt.“ „Am Anfang fühlte ich mich hilflos und überfordert und machte mir selbst Vorwürfe“, berichtet die Grasleberin.

Kurz nach Marellas Geburt habe sie viele Zweifel gehabt, sagt Thieme-Hohe. „Kann ich das schaffen? Werde ich das Kind später schön finden?“ Fragen wie diese seien ihr durch den Kopf gegangen. Inzwischen kann sie beide mit einem zweifelsfreien „Ja“ beantworten.

Gleichwohl findet Thieme-Hohe, dass insbesondere kurz nach der Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom Information und Beratung am besten durch Gleichgesinnte wichtig seien. „Ich arbeite mit mehreren Familien, Ärzten und der Helios-Klinik zusammen daran, dass wir ein ehrenamtliches Berater-Netzwerk aufbauen“, sagt Thieme-Hohe. Dies soll zunächst regional aufgestellt sein. „Am besten wäre aber eine bundesweite Telefon-Hotline“, findet die Mutter.

Die Grasleberin habe nach Marellas Geburt relativ schnell mit Bekannten aus dem Ort gesprochen, die ebenfalls ein Kind mit Down-Syndrom haben. So wurde ihr etwa die Frühförderung der Lebenshilfe Helmstedt empfohlen. Diese ist für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren, die einen Förderbedarf haben, zuständig – und das im gesamten Landkreis Helmstedt.

Ab Marellas drittem Lebensmonat besuchte die Frühförderin Inga Meyer die Familie. „Zuerst war es eher Therapie für die Eltern. Die Besuche haben uns geholfen“, berichtet Thieme-Hohe. Aber bald ging es vor allem um Marella und die Förderung ihrer Stärken – das erklärte Ziel der Frühförderung. „Wir betrachten dabei jedes Kind ganzheitlich und individuell“, erklärt Meyer. Sie betont: Auch wenn Marella in manchen Dingen etwas länger brauche als ihre Altersgenossen, so steht doch fest: „Sie kann vieles schon gut, wird selbstständiger und macht Fortschritte.“

Marella besucht den Kindergarten Abenteuerland in Grasleben an drei Tagen der Woche für einige Stunden mit ihrer Kindergartenbegleiterin Sina Liebs. „Alle Kinder akzeptieren Marella, spielen mit ihr und helfen ihr, wenn es nötig ist“, berichtet die Kindergarten-Leiterin Sabine Stabrey. Mehr noch: Die anderen profitieren von Marella. Sie lernen etwa, Rücksicht zu nehmen, aber auch Elemente der unterstützten Kommunikation.

Der vierfachen Mutter ist ein Zitat ihres ältesten Kindes besonders in Erinnerung geblieben. Am Tag nach Mariellas Geburt haben die Eltern mit der Tochter einige Arzt-Besuche machen müssen. „Am Abend haben wir dann den Kindern erzählt, dass ihre kleine Schwester das Down-Syndrom hat.“ Ihr ältester Sohn habe darauf geantwortet: „Ach so, ich dachte schon, es wäre was Schlimmes.“

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