Pflegenotstand – Es tut sich was

„Zukunft der Pflege“: SPD veranstaltet Kamingespräch im Awo-Psychiatriezentrum

Deutschland wird kontinuierlich älter und somit steigt die Zahl der Menschen, die auf ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sind. Symbolfoto: pxhereoh

Königslutter. Steigende Kosten, inakzeptable Arbeitsbedingungen und permanenter Mangel an qualifiziertem Personal – die Reizthemen rund um die Gesundheitspolitik und Pflegesituation treffen den Nerv der Bevölkerung. Denn Deutschland wird älter und somit steigt die Zahl der Menschen, die auf ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sind. Dies kann sowohl für die Betroffenen selbst, als auch für ihre Angehörigen zu einer enormen Belastung führen.

Gerade im ländlichen Raum stellt sich die Frage, ob und wie ambulante Pflegedienste verfügbar sind. Welche Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen, damit eine breitflächige medizinische Versorgung gewährleistet werden kann? Wie genau kann die Zukunft der Pflege aussehen?

Während einer Diskussion mit dem Thema „Zukunft der Pflege“ im Awo-Psychiatriezentrum Königslutter nahm der SPD-Bezirk Braunschweig jetzt die ländlichen Teile der Region und ihre Probleme in den Fokus.

„Die Digitalisierung im Gesundheitswesen bietet auch in der Pflege großes Potenzial, um zum Beispiel Schnittstellenprobleme zu lösen, Effizienzreserven zu heben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern“, erklärte Thomas Zauritz. Zudem könne sie ein ­Lösungsweg aus dem Mangel an Pflegepersonal sein. „Durch intelligente Vernetzung können Rationalisierungspotenziale erschlossen und dem Fachkräftemangel ent­gegengewirkt werden“, fügte der Geschäftsführer der Awo Niedersachsen an.

Dass das Land auf die weiter rasant wachsende Zahl von Pflegebedürftigen immer noch nicht vorbereitet ist, ist den Anwesenden der Podiumsdiskussion im Awo-Psychiatriezentrum klar: Der Blick auf die Zukunft einer Branche, die sich dem höchsten Gut des Menschen verschrieben hat – der Gesundheit – ist kritisch, aber keineswegs desillusioniert.

Derzeit fehlen in Deutschland rund 38 000 Pfleger. Und die Lücke wächst. So rechnet die Bundesregierung damit, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von heute 3,3 Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 auf insgesamt 5,3 Millionen wachsen dürfte. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Personalmangel zu beheben. Drei Voraussetzungen davon sind in den Augen von Rüdiger Becker, Vorstandsvorsitzender und Direktor der evangelischen Stiftung Neuerkerode, erfolgversprechend: „Der Pflegeberuf muss eine höhere Wertschätzung sowie eine größere Akzeptanz erfahren. Außerdem müssen die Pfleger gerechte Arbeitslöhne erhalten und auch bei Schichtdienst und Wochenendarbeit ihr Privatleben mit dem Beruf in eine gute Balance bringen können.“

Hoffnung setzen die Podiums-Teilnehmer auf die Reform der Pflege-Ausbildung, die im Jahr 2020 starten soll: Im Rahmen der sogenannten generalistischen Ausbildung werden Alten, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammengelegt – es besteht aber nach wie vor die Möglichkeit, sich später zu spezialisieren. „Die angehenden Pfleger werden in allen Bereichen eingesetzt und lernen verschiedene Aufgabenfelder kennen. Der Pflegeberuf wird damit vor allem für junge Menschen spannender, interessanter und attraktiver“, ist sich Harald Röleke, Schulleiter Stephansstift, Diakonie-Kolleg Wolfenbüttel, sicher.

Ergänzend fügt Carola Reimann, niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, hinzu, dass auch die Ausbildung von Medizinstudenten eine wichtige Stellschraube bleiben soll: „Medizinstudenten in Niedersachsen erhalten vier Jahre lang jeden Monat eine Finanzspritze von 400 Euro. Die Bedingung: Sie müssen sich im Studium festlegen, dass sie sich nach der Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin im ländlichen Raum in Niedersachsen niederlassen.“ Im Gespräch sei auch die Schaffung von bis zu 200 zusätzlichen Medizinstudienplätzen. Zehn Prozent davon sollen dann an Bewerber gehen, die sich verpflichten, später für zehn Jahre als Hausarzt im unterversorgten ländlichen Raum zu arbeiten.

Letztendlich seien die Löhne ein immer noch springender Punkt: „Es ist ein toller Job, aber mehr Attraktivität für junge Leute kriegen wir nur hin, wenn wir den Kampf für ordentliche Tarifbedingungen gewinnen“, betonte Thomas Zauritz und fügte abschließend an: „Es ist nicht akzeptabel, dass es regionale Lohnunterschiede von mehreren Hundert Euro gibt. Tarifbedingungen für die Pflege müssen fest im Visier sein.“

 

 

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