„Whiskey berber“ und Wüstenschiffe - Neue Helmstedter
24. Juli 2018
Reise

„Whiskey berber“ und Wüstenschiffe

Mein Reisetipp: Die Königsstadt Marrakesch gilt als die schönste Stadt Marokkos

Die marokkanischen Markthändler beschränken sich eher auf althergebrachte Fortbewegungsmittel wie den Eselskarren. Foto: Lüer

Marrakesch. Bunt, quirlig, wunderschön –genau so begegnet uns die nordafrikanische Königsstadt Marrakesch gleich bei unserer Ankunft, als wir vom Flughafen in Richtung Zentrum fahren.
Nachdem wir uns mit unserer Unterkunft vertraut gemacht haben, führt uns unsere erste Tour direkt in die Medina (Altstadt) hin zu den berühmten Märkten, den sogenannten Souks.

Es grenzt schon fast an ein Wunder, wenn sich Fremde in den kleinen verwinkelten Gassen nicht verlaufen. Da wir kein bestimmtes Ziel vor Augen haben und unserem – zugegebenermaßen schlecht ausgeprägten – Orientierungssinn nicht vertrauen, lassen wir uns einfach treiben.
Mit „Hey, white people!“ und „Good prices, good prices!“ versuchen uns die Verkäufer in ihre Läden – vollgefüllt mit Lederschuhen und Taschen, Korbwaren und Stoffen, Silberschmuck, Teppichen, Lampen, Gewürzen und Früchten – zu locken. Einfach mal stehen bleiben und stöbern? Keine Chance. Sobald wir uns eine Sekunde den Waren widmen, werden wir angesprochen. Aber das gehört hier nun einmal einfach dazu.

Auf den Spuren von Yves Saint Laurent

Überall in der „roten Stadt“ – sowohl die umgrenzenden Mauern als auch viele Häuser in der Medina und sogar in der modernen City besitzen diese Farbnuance – toben das Leben und der Lärm. Und doch erleben wir während unseres Besuches auch das Kontrastprogramm.
So überraschen uns vor allem die vielen Gärten und Parks mit ihrem satten Grün. Der Jardin Majorelle etwa, ein kleines Paradies, das 1923 vom Künstler Jacques Majorelle angelegt wurde, erstrahlt mit einer Symphonie in Weiß, Blau und Gelb. Berühmt geworden ist der Garten, in dem Pflanzen aller fünf Kontinente, hauptsächlich Kakteen und Bougainvilleen, gedeihen, vor allem deshalb, weil ihn Modeschöpfer Yves Saint Laurent im Jahr 1980 kaufte und bald die Stiftung „The Majorelle Trust“ gründete.
Diese kümmert sich seitdem um den Erhalt der angelegten Fläche. Für seine Kollektionen holte sich der Designer in seinem Areal immer wieder Inspirationen. Nach seinem Tod im Jahr 2008 wurde schließlich auch seine Asche im dortigen Rosengarten verstreut sowie ein Denkmal für ihn in einem anderen Teil des Gartens errichtet.

Die Wasserfälle von Ouzoud

Eine weitere Tagestour führt uns von Marrakesch zum Wasserfall von Ouzoud. Allein schon die Fahrt dorthin bietet wunderschöne Eindrücke: Kakteen, Palmen und im Hintergrund das gewaltige Atlas-Gebirge.
Das Gelände rund um die Wasserfälle erkunden wir zu Fuß sowie per Boot und haben Glück: In den Bäumen entdecken wir sogar ein paar Berberaffen. Der großen Verlockung uns im kühlen Flussbecken zu erfrischen, können wir in der sengenden Mittagshitze nicht widerstehen.

Marokkanische Filmkulissen

Wer einmal sehen möchte, wo Filmklassiker wie „Gladiator“, „Die Mumie“ oder „Lawrence von Arabien“ gedreht wurden, ist im Süden Marokkos genau richtig. Dort befindet sich nämlich die Stadt Ouarzazate, in der die Kasbah Taouirt wohl der bekannteste Drehort ist.
Ein bisschen weiter nordwestlich, am Rande des Hohen Atlas, liegt das kleine Dorf Aït-Ben-Haddou, seit 1987 auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste – beispielhaft für die typische, sogenannte Kasbah-Archiktekur. Wir besuchen die alte Siedlung, in der zuletzt im Jahr 2010 „Prince of Persia“ gedreht wurde.
Dort angekommen ist es ein bisschen so, als würden wir durch eine gigantische Sandburg laufen. Eine ziemlich alte Sandburg. Denn die Lehmwände rechts und links von uns sind mehr als 400 Jahre alt.
Unheimlich faszinierend, wenn man bedenkt, dass diese Mauern bei einem Platzregen in sich zusammenfallen.
Wir wissen nicht, wieso, aber schon hier zieht uns die unendliche Weite der roten Steinwüste in ihren Bann, und wir bekommen Herzklopfen, wenn wir daran denken, dass wir schon am nächsten Tag in der Wüste übernachten werden.

Magischer Wüstenausflug

Am frühen Abend kommen wir in Zagora, einer Oasenstadt in der Region Drâa-Tafilalet, an. Am Ortsrand erwartet uns bereits unser Guide Omar.
Stolz steht der Berber da mit seinem bunten Turban. Seine Begrüßung ist kurz, aber herzlich und schon tauschen wir die Plätze unseres Shuttlebusses gegen die Sättel unserer Kamele.

Nur wenige Minuten später geht es auf den haarigen Wüstenschiffen schaukelnd in die unendliche Weite der Wüste. Immer weiter entfernen wir uns von der Zivilisation.
Die Sonne steht bereits tiefer, die Schatten der Kamele werden immer länger und mit jedem weiteren Schritt fühlen wir uns ein kleines Stückchen freier.
„Welcome to the Sahara“, ruft Omar, der an unseren staunenden Blicken sicherlich erkennt, wie schwer beeindruckt wir von diesem Trip wirklich sind.

Wir erblicken unser Camp für die Nacht. Ruhig liegt es da, die bunten Teppiche erstrahlen im goldenen Sonnenlicht. Doch noch ist es nicht Zeit, unser Zelt zu beziehen.
Erst erklimmen wir die nächste große Düne, um den majestätischen Sonnenuntergang über der Wüste nicht zu verpassen.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, servieren uns die Nomaden ihren frischen, intensiven Minztee, den sie selbst scherzhaft als „Whiskey berber“ bezeichnen, eine Harira-Suppe aus Linsen und Kichererbsen sowie Hähnchen-Tajine mit Kartoffeln, Karotten und Bohnen.

Lange sitzen wir auf den Teppichen vor unseren Zelten zusammen, hören uns die spannenden Geschichten, rhythmischen Trommelklänge und den klangvollen Gesang der Nomaden an.
Spätestens bei „Waka Waka“ von Shakira hält keiner mehr die Füße still: „’Cause this is Africa!“ Ja, den Songtext hören wir nicht nur, sondern spüren ihn auch.

Omar erzählt uns, dass das Leben als Nomade in der Wüste nicht immer leicht ist, doch er würde es für nichts auf dieser Welt eintauschen. Denn dieses Dasein bedeute für ihn die unendliche Freiheit. Wir wissen, was er meint.
Gespannt lauschen wir den Erzählungen aus seinem Leben unter einem wunderbar klaren Sternenhimmel bis spät in die Nacht hinein.

Unser Schlafdefizit entschädigt am frühen Morgen einer der schönsten Sonnenaufgänge, den wir je gesehen haben. Wir genießen noch ein Frühstück, eine letzte Tasse Minztee, und schon schwingen wir uns wieder auf unsere Kamele, und es geht zurück in die Zivilisation.
Wieder in Marrakesch angekommen sind wir tatsächlich mit all den Menschen und der Lautstärke überfordert und sehnen uns nach Ruhe und Einsamkeit.

Fazit

Die bunten Farben der Mosaike und Souk-Märkte, die Flötenklänge der Schlangenbeschwörer und der Geschmack von Feigen und Minztee – wer einmal hier war, weiß ganz genau: Dieser Ort lässt einen nie wieder los.
Marrakesch ist definitiv jede Reise wert. Vor der Kulisse des Atlas-Gebirges breitet sich die Stadt wie eine Oase in der Wüste aus. Alles ist faszinierend anders, kulturell fremd.

Gerne wird Marokko als das „Land der Kontraste“ bezeichnet. Und das stimmt, die allgegenwärtigen sozialen Unterschiede, von denen die Gesellschaft geprägt ist, lassen sich nicht verbergen.
Während sich in der Neustadt schicke Luxushotels und Clubs aneinanderreihen, lockt die riesige Altstadt mit orientalischem Wirrwarr, und außerhalb der Stadt zeigt sich auch ganz schnell ein drittes Gesicht: Armut und Not.
Mehr denn je zuvor ruft uns unsere Reise ins Bewusstsein, welch Privileg es doch ist, in Europa, in Deutschland geboren zu sein und hier zu leben.

Mit ganz vielen unvergesslichen Eindrücken verlassen wir die „rote Stadt“ und das Land. Es gibt viele Gründe noch einmal wiederzukommen.
Bereits im Flieger packt uns das Fernweh und wir sind uns sicher: Ganz bestimmt waren wir nicht zum letzten Mal hier.

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